Reaktion auf Irpin und Butscha: Legion “Freiheit Russlands”


In der Legion “Freiheit Russlands” sollen Russen an der Seite der Ukraine ihre eigenen Landsleute bekämpfen. Doch wie bedeutend ist die Einheit überhaupt?Es ist eine ungewöhnliche Veranstaltung, die am 5. April im vergangenen Jahr in einem Presseraum der Agentur Interfax-Ukraine beginnt: Eingeladen haben drei namenlose Soldaten, die in Camouflageanzügen und maskiert zu der Pressekonferenz erscheinen. Das Wappen auf ihrer Schulter ist das Bild einer Faust. Ihre Flagge ist weder die ukrainische noch die russische, sie besteht aus weiß-blau-weißen Querstreifen.Es ist ein Protestsymbol gegen den russischen Angriffskrieg, das vor allem in Russland verwendet wird: Protestler haben den roten Streifen der russischen Flagge, den viele von ihnen als Symbol für die sowjetische Vergangenheit oder Blut sehen, durch einen weißen ersetzt. Und es ist das Symbol der Legion “Freiheit Russlands”, in der Russen aufseiten der Ukraine kämpfen.Am Anfang sollen es nur rund 100 russische Soldaten gewesen sein, mittlerweile soll “Freiheit Russlands” laut eigenen Angaben und der ukrainischen Regierung deutlich gewachsen sein – und auch prominente Unterstützung bekommen. Doch viele Angaben bleiben im Ungefähren: Ist die Einheit tatsächlich ein wichtiger Baustein in der ukrainischen Verteidigung – oder mehr Schein als Sein?

Gründung als Reaktion auf Irpin und Butscha

Er sei vor Kurzem noch ein Soldat der russischen Armee gewesen, erzählt einer der drei Maskierten bei der Pressekonferenz im April, der als “Kommandant” vorgestellt wird. In der Ukraine sei seine Einheit schnell unter schweren Beschuss geraten, ehe er festgenommen wurde. Schon da habe er festgestellt, dass es sich bei dem Einsatz nicht um eine “Spezialoperation” handle, wie es der Kreml propagiert hatte.In der Gefangenschaft habe er von den Gräueltaten in Butscha und Irpin erfahren. “Mir ist klargeworden, dass es sich um einen echten Genozid handelt”, erzählt der Soldat. Als Reaktion habe er mit anderen russischen Soldaten deshalb die Legion “Freiheit Russlands” gegründet, um das Regime von Wladimir Putin zu bekämpfen. Unterstützung habe man vom SBU, dem ukrainischen Inlandsgeheimdienst, erhalten.

Aktiv in den sozialen Medien

Auf der einen Seite geht die Gruppe sehr offen damit um, was sie will und was sie tut: Die Legion unterhält etwa Kanäle auf YouTube und Telegram, mit denen sie weit über einhunderttausend Abonnenten erreicht: Stolz werden dort etwa die Wrackteile einer russischen Drohne präsentiert, die die Legion abgeschossen haben will.In einem selbst formulierten Manifest erläutern die Soldaten ihre Ziele: “Wir kämpfen gegen das diktatorische Regime von Wladimir Putin, gegen die Verletzung demokratischer Werte, die totale Korruption, die Verletzung der Menschenrechte und das Fehlen der Redefreiheit”, heißt es dort etwa.Die meisten Nachrichten sind versehen mit einem Hinweis auf das Bewerberportal, das neue Freiwillige rekrutieren soll. Unter den Soldaten heißt es, man erhalte rund 300 Anfragen pro Tag. Oleksij Arestowytsch, der im Beraterstab des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj tätig ist, sprach im Mai davon, die Bewerberzahl gehe “durch die Decke”.

Motivierte Kämpfer oder gezieltes Marketing?

Wie wichtig die Einheit aber tatsächlich auf den Schlachtfeldern ist, lässt sich nur schwer sagen: “Es sind motivierte und professionelle Kämpfer, die ihre Aufgaben perfekt erledigen”, sagte ein anonymer ukrainischer Offizier der Nachrichtenagentur AFP Ende Dezember. An der Front sollen die Soldaten hauptsächlich Artilleriewaffen einsetzen. Zum Gründungszeitpunkt hieß es etwa, dass die Legionäre vor allem an dem Panzerabwehrsystem NLAW ausgebildet wurden. Im Mai soll die Gruppe Aufnahmen veröffentlicht haben, die sie im Kampf um Sjewjerodonezk und Lyssytschansk in der Region Luhansk zeigen.Für den ukrainischen Militärexperten Oleg Schdanow hat die Einheit dagegen weniger eine militärische als vielmehr eine politische Bedeutung: “Es ist gut für die Ukraine, wenn sie zeigen kann, dass auch Russen die Demokratie und Freiheit unterstützen und auf der richtigen Seite kämpfen.” Auf das Kriegsgeschehen hätten die russischen Kämpfer allerdings “aufgrund ihrer geringen Zahl keinen großen Einfluss.”

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